Kommissionstagung 2010

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Festivals popularer Musik

22. Arbeitstagung der Kommission zur Erforschung Musikalischer Volkskulturen in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde
6.-9. Oktober 2010, Köln

 

Tagungsbericht

Mit ihrem Thema „Festivals popularer Musik“ wagte sich die Kommission zur Erforschung musikalischer Volkskulturen in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde e.V. bei ihrer 22. Arbeitstagung auf ein Terrain, das in der Volkskunde und speziell der Musikalischen Volkskunde bisher wenig erforscht ist. Zum Themenbereich „Musikfestivals“ finden sich in unserem Fach bisher nur wenige theoretische und empirische Arbeiten. Einer der Gründe ist, dass Festivals mehr sind als musikalische Phänomene und Fragestellungen und Methoden erfordern, die sich an den Sozialwissenschaften orientieren und mit dem herkömmlichen Instrumentarium der Musikalischen Volkskunde kaum zu erfassen sind.

Die einzelnen Tagungsbeiträge behandelten das Thema nicht systematisch, sondern näherten sich ihm aus unterschiedlichen Richtungen und unter verschiedenen Perspektiven. In einer Vielzahl punktueller Studien lag der Fokus zwar auf Deutschland, doch richtete sich der Blick auch ins nahe und ferne Ausland: Österreich, Albanien, Belarus, Russland und Indien. Das musikalische Spektrum umfasste die verschiedensten Bereiche von traditioneller Volksmusik über Jazz, Rock bis zu Heavy Metal.

Der einleitende Vortrag von Sabine Wienker-Piepho reflektierte die „Festivalisierung als Kulturphänomen“ der Gegenwart. Die Referentin konstatierte eine gegenwärtige „Überfestivalisierung“: Festivals seien inzwischen weitgehend verkommen zu „windschnittigen Touristikunternehmen“. Trotz dieser starken Tendenz zur Kommerzialisierung könne ihnen ein Sinn stiftender Zweck nicht gänzlich abgesprochen werden.

Tatsächlich bestimmt der Gedanke der Zusammengehörigkeit und Gleichgesinntheit auch in der Gegenwart viele Festivals. So betonten Elvira Werner und Heiko Fabig in ihren Beiträgen zur „Festivallandschaft Erzgebirge“ bzw. zu den „Stapelfelder Jazztagen“ die besondere Identität stiftende Funktion solcher Veranstaltungen für bestimmte Regionen. Das Kulturfestival XONG im Vinschgau/ Südtirol, über das Rudolf Pietsch berichtete, appelliert an ein grenzüberschreitendes Wir-Gefühl im Dreiländereck Schweiz, Österreich und Italien.

In ihrem Beitrag über „Frauenmusikfestivals“ hob Astrid Reimers deren besondere politische und gesellschaftliche Zielsetzungen hervor. Veranstaltungen wie das „Interkulturelle Frauenmusikfestival“ im Hunsrück oder das „Michigan Womyn's Music Festival“ richten sich gegen die gesellschaftliche Diskriminierung von Frauen und die Unterdrückung ihrer Kultur, Lebensweisen und Interessen. Diese Festivals, bei denen ein breites musikalisches Spektrum vor einem ausschließlich weiblichen Publikum dargeboten wird und darüber hinaus Handwerk, Kunsthandwerk und Kunst präsentiert werden, wollen eine Welt antizipieren, die frei ist von den alltäglichen Diskriminierungen. Hier wird auch eine aktive Teilnahme aller Besucherinnen durch abzuleistende Helferinnendienste, Workshops und eine „Open Stage“ gefördert. – Dieses Ziel, den Abstand zwischen Künstlern und Publikum wenn nicht aufzuheben, so doch zu verringern, verfolgte bereits die Folk- und Liedermacherszene der siebziger Jahre, an die Barbara Boock erinnerte („Andere Lieder? Das wiedererwachte Interesse am deutschen Volkslied bei den Festivals der siebziger Jahre“). Sie betonten damals ihre Distanz zu den etablierten Kulturinstitutionen und zur kommerziellen Verwertbarkeit von Musik.

In der DDR war das wichtigste, international beachtete und frequentierte Forum der Folk- und Liedermacherszene das „Festival des politischen Liedes“, eine Großveranstaltung, die von 1970 bis 1990 alljährlich in Ost-Berlin stattfand, mit der politischen Wende von 1989/ 90 jedoch in eine schwere Krise geriet und zum Erliegen kam. Seit 2000 gibt es einen Neuanfang mit dem kleiner dimensionierten und inhaltlich neu konzipierten „Festival Musik und Politik“, über das Lutz Kirchenwitz referierte („Musik und Politik – Zur Geschichte eines Festivals“).

Zahlreiche Festivals widmen sich traditionellen Musikkulturen. Bis in das Jahr 1956 reichen z. B. die alle paar Jahre stattfindenden „Bundesvolkstanztreffen“, über die Volker Klotzsche referierte („Bundesvolkstanztreffen von 1956 bis 2008 – und nun?“). – In der Tradition der deutschen Folkbewegung steht das vom Schwäbischen Albverein organisierte Dudelsack-Festival „Sackpfeifen in Schwaben“, das Wolf Dietrich thematisierte („Festivalkultur beim Schwäbischen Albverein“). Es erhebt den Anspruch, „gute, ehrliche, handgemachte traditionelle Musik“ und „Volksmusik der anderen Art“ zu präsentieren. Die Veranstaltungen sollen auch verdeutlichen, dass der Dudelsack trotz aller regionalen Unterschiede ein gesamteuropäisches Instrument ist. – Mit der Tradition der Jodler bzw. der Veranstaltung von Jodler-Wettstreiten beschäftigte sich der Beitrag von Ernst Kiehl („Die Tradition der Jodler-Wettstreite im Harz und in der Schweiz“). Zwar dienen solche Wettstreite der Traditionspflege, doch ist offensichtlich, dass mit ihnen ein musikalisches Phänomen aus der Sphäre der Gebrauchsmusik in die der Darbietungskunst transponiert wird. Das Jodeln, das ursprünglich dazu diente, im Gebirge weite Distanzen akustisch zu überbrücken, begegnet hier in einer völlig veränderten, das virtuose Moment betonenden Erscheinungsform.

Die Transformation musikalischer Tradition fokussierte auch Ralf Gehler („Die Marktsackpfeife. Genese eines Sackpfeifentyps zwischen Mittelaltermarkt und Fantasy-Event“). In den letzen dreißig Jahren entstand in der DDR und nachfolgend in der gesamten Bundesrepublik eine neue Form von musikalischer Präsentation für Sackpfeifen, die sich zwar auf die Tradition beruft, aber kein reales historisches Vorbild hat. Bestand die ursprüngliche Funktion der Marktsackpfeife in der Beschallung des Mittelaltermarktes, so verließ das Instrument in der gegenwärtigen Szene diesen Ort und wurde zum Bestandteil der Bühnen­shows von Musikgruppen im Mittelalter-Fantasy-Bereich und einer Gegenkultur junger Leute, die in den 1980er Jahren den Wunsch nach individueller Freiheit in ihr Bild vom mittelalterlichen Spielmann projizierten.

Es gibt Festivals, die nicht nur eine bereits vorhandene Tradition aufgreifen und kultivieren, sondern darüber hinaus eine eigene Tradition begründen. Das von Kiem Pauli organisierte „Erste Oberbayerische Preissingen“ in Rottach-Egern am Tegernsee (Oberbayern) im Jahr 1930, über das Ernst Schusser referierte, galt in der Folgezeit als Vorbild für spätere Volksmusikwettbewerbe und war wohl der „Zündmechanismus“ für eine Volksliedpflege, die seit den 1950er Jahren eine ungeahnte Breitenwirkung erfuhr. – Ca. vierzig Jahre später kreierte das Woodstock-Festival, über das Gisela Probst-Effah referierte („Remembering Woodstock“), einen speziellen Festival-Typus. Die Veranstaltung, die im August 1969 in der Nähe des kleinen Ortes Bethel im US-Bundesstaat New York stattfand, wurde in der Folgezeit Ausgangspunkt für unzählige „Woodstocks“ unterschiedlichster Ausprägung, die weltweit veranstaltet wurden. Im Jubiläumsjahr 2009 kulminierte die Woodstock-Nostalgie in der Produktion von Büchern, CDs und Filmen sowie der Organisation zahlloser Woodstock-Erinnerungsfestivals und -Partys.

Zur Mythenbildung tragen die Medien entscheidend bei. Dies gilt nicht nur für Woodstock, sondern auch beispielsweise für das Wacken-Festival, eines der größten Rockfestivals der Gegenwart. In seinem Beitrag („Busen, Weltkrieg, irre Gitarren. Narrative Strategien des Berichtens über Rockfestivals in populären Informationsmedien“) zeigte Manuel Trummer auf, wie alljährlich die großen deutschen Informationsmedien in der Berichterstattung das Bild einer Gegenwelt zum Alltag und eines zeitweiligen Refugiums schaffen. In stereotypen Schilderungen von Exzessen verschiedenster Art artikulieren sich nicht nur Fremdheitsängste einer bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch Faszination, Voyeurismus und die Lust am Exotischen. Die narrativen Strategien, mit denen über die sommerlichen Rockfestivals be­richtet wird, sind, wie der Referent darlegte, keineswegs immer neu, sondern rekurrieren zum Teil auf traditionelle Motive der europäischen Erzählkultur, so etwa die Figur des „Wilden Mannes“ oder auf Südseereiseberichte des 18. Jahrhunderts.

Eine Reihe von Vorträgen befasste sich mit Musikkulturen anderer Länder. Inna Shved stellte dar, wie in der sowjetischen Ära regionale Kulturen Weißrusslands Einheitsbestrebungen weichen mussten („Gegenwärtige Festivals popularer Musik in Belarus“). Nach der politischen Wende der 1990er Jahre entdeckte die dortige Kulturpolitik im Zuge nationaler Autonomiebestrebungen das integrative Potential des kulturellen Erbes, dem man vor allem noch in ländlichen Regionen begegnet und an das nun zahlreiche Folkloregruppen anzuknüpfen versuchen. – In der sowjetischen Ära fand, so stellte auch Elena Schischkina fest („Zeitgenössische Festivalbewegung in Russland: Ziele, Probleme, Aussichten“) eine starke Professionalisierung von Volksmusik und -tänzen statt: Sie wurden von Berufsensembles auf Bühnen dargeboten, deren hohes künstlerisches Niveau in ein starkes Spannungsverhältnis zu „authentischer“ Volkskultur geriet. Nach dem Niedergang der sowjetischen Ära tragen nach Auffassung der Referentin zahlreiche Festivals zur „Wiedergeburt“ „authentischer“ Formen musikalischer Kultur der verschiedenen Völker Russlands bei.

In Albanien spielte während der kommunistischen Ära das 1968 gegründete „Festivali Folklorik Kombëtar“, über das Ardian Ahmedaja berichtete, eine wichtige Rolle („Das Nationale Folklore Festival in Gjirokastër/ Albanien und die Frage der Klassifizierung und Präsentation der besten Werte“). Es bot die Möglichkeit, auf die traditionelle Musik politischen Einfluss zu nehmen. Das Programm war Gegenstand strenger Auswahlverfahren. Erfolgreiche Musiker durften seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre auch im Ausland auftreten – ein Privileg, das damals nur wenige Albaner genossen. Die rigiden Maßstäbe wirkten einerseits als Anreiz, doch entfernten sich die Darbietungen zunehmend von der täglichen Praxis. Nach dem politischen Umbruch zu Anfang der 1990er Jahre wurden die Bestimmungen gelockert, doch folgen die Auswahlverfahren weiterhin den Anweisungen von Spezialisten, die vom Kultusministerium beauftragt werden.

Basierend auf eigenen Feldforschungen, untersuchte Sadhana Naithani die Auswirkungen von Folklore-Festivals auf das Leben traditioneller Darsteller in Indien („Folklore Festivals in India and Traditional Performers“). Waren deren Darbietungen früher begrenzt auf die enge Umgebung, in der die Musiker lebten, und die Kaste, in die sie hineingeboren waren, so repräsentieren sie bei Folklore-Festivals der Gegenwart eine übergreifende, im Vielvölkerstaat Indien äußerst komplexe „nationale Kultur“, und sie gewinnen darüber hinaus internationales Ansehen. In diesem veränderten Kontext begegnen die Interpreten Kulturen, die früher weit außerhalb ihres Erfahrungshorizontes lagen, und sie treten vor eine Öffentlichkeit, die bisher nichts von ihnen wusste und die ihnen mit einem Respekt begegnet, der ihnen – den Angehörigen niederer Kasten – niemals zuteil wurde. Dies verändert ihre Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung grundlegend.

Überlieferte Musikkulturen, die in einem neuen Kontext erscheinen, fokussierte auch Dorit Klebe am Beispiel osmanisch-türkischer Festival-Traditionen, die in jüngster Zeit von in der Diaspora lebenden türkischen Gemeinden aufgenommen werden – so etwa das eintägige Musikfestival „Türkgünü“ („Türkischer Tag“) in Berlin („Surname vs. Türkgünü – Festival-Traditionen im osmanischen Imperium und in der türkischen Gemeinschaft in Deutschland in ihren musikalischen Ausprägungen“). Historisches Vorbild sind Feierlichkeiten am osmanischen Hof, von denen literarische und ikonographische Dokumente sowie insbesondere die Bücher der Festivals (Surname) mit bildlichen und textlichen Details zeugen. Die Referentin untersuchte u. a. die Zusammensetzung des Musikprogramms und des Publikums von „Türkgünü“ im Hinblick auf die traditionellen Vorbilder.

Aus Anlass des einhundertsten Geburtstags von Ernst Klusen wurde im Rahmen der Tagung ein Symposion zum Thema „Ernst Klusen 1909–1988, Liedforscher, Musikpädagoge und Komponist“ mit Beiträgen von Günther Noll, Wilhelm Schepping und Gisela Probst-Effah veranstaltet. Klusen gilt als der Nestor der Musikalischen Volkskunde. Er gründete u. a. das Institut für Musikalische Volkskunde an der Pädagogischen Hochschule Rheinland (seit 1986 an der Universität zu Köln) und war langjähriger Vorsitzender der Kommission für Lied-, Musik- und Tanzforschung, der Vorläuferin der Kommission zur Erforschung musikalischer Volkskulturen in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde e. V.

 

Frau Gisela Probst-Effah (Institut für Europäische Musikethnologie, Köln)