Tagungsbericht der Kommissionstagung 2012 "Altes neu gedacht"

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"Altes neu gedacht" - Rückgriff auf Traditionelles bei Musikalischen Volkskulturen

23. Arbeitstagung der Kommission zur Erforschung Musikalischer Volkskulturen in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde, 3.-5. Oktober 2012 in der Katholischen Akademie Stapelfeld (Cloppenburg)

 

Tagungsbericht

„‘Altes neu gedacht‘ – Rückgriff auf Traditionelles bei Musikalischen Volkskulturen“ lautete der Titel unserer Kommissionstagung 2012. Nach Grußworten des Kommissionsvorsitzenden Klaus Näumann (Institut für Europäische Musikethnologie der Universität zu Köln) und des Kommssionsgeschäftsführers und Gastgebers Heiko Fabig begann ein musikalisches Rahmenprogramm mit Instrumentenbaumeister Wilfried Ulrich aus Norden. Er stellte  Geschichte, Bauweise, Klang und Spieltechnik der Hummel vor.

Die Tagung untergliederte sich im Folgenden in die vier Bereiche „Theoretische Reflexionen“, „Historisch orientierte Beiträge“, „Deutsche Kulturlandschaften“ und „Europäische und außereuropäische Fallstudien“.

Auf der Ebene der „Theoretischen Reflexion“ sprach zuerst Thomas Kühn (Universität Hamburg) über „Originale, Rekonstruktionen, Innovationen. Musikinstrumente zwischen Museum und Marke Eigenbau“.  Er beleuchtete die Verwendung historischer Instrumente und den durch sie gewährten Zugang zu vergangenen Lebenswelten (u.a. auf Mittelaltermärkten) sowie Weiterentwicklungen und neue Instrumentenbauarten.

Anschließend referierte Ralf Gehler (Museum für Alltagskultur der Griesen Gegend, Hagenow) über die „Deutsche Folkmusik. Gedanken und Ideen zur Entwicklung“. Sein Bericht umfasste eigene Erfahrungen als Musiker traditioneller Instrumentalmusik, die Beobachtung eines Anstiegs von regionalen Musikelementen in der Folkszene und den Wunsch, Folkmusiker mögen ihre eigenen kulturellen Wurzeln studieren, um dadurch zum internationalen Diskurs auf diesem Gebiet beitragen zu können.

Nach diesen zwei Vorträgen rund um das Wiederaufgreifen (fast) verschwundener Instrumente und Zugänge zur Folkszene widmete sich der nächste Vortrag dem, was heute allgemein unter folkloristischer Musik verstanden wird und seiner Vermischung mit Rockmusik: „Regionale Traditionen und urbane Grooves. Das Bandprojekt ’Kellerkommando’ des Bamberger Ethnomusikologen David Saam“, so lautete der Titel des Referats von Armin Griebel (Fränkische Forschungsstelle für Volksmusik, Uffenheim). Er berichtete vom Experiment der Genrefusion und analysierte den regionalen Erfolg dieses Bandprojekts.

Im nächsten Vortrag wurde der Schwerpunkt auf geistliche Musik gelegt. Heiko Fabigs Referat „Cantate Domino canticum novum – Singt dem Herrn ein neues Lied – Sing a new song for the Lord. Popularkirchenmusikalische Praxis zwischen Traditionspflege und Innovationspostulat“ bot einen vergleichenden Überblick über neuere Musikpraxen wie Jazzmessen und Gospelchöre in Mitteleuropa und stellte eine Verbindung zur kirchenmusikalischen Kulturpflege her.

Schließlich berichtete Marguerite Rumpf (Universität Marburg) in ihrem Vortrag „Moderne Rezeption des Mittelalters. Vom Minnesang zum Mittelalterrock“ am Beispiel Walters von der Vogelweide und der Carmina Burana von Neuinterpretationen mittelalterlicher Musik. Beschreibungen der Musikpraxen auf Mittelaltermärkten und des Nachbaus von historischen Instrumenten standen dabei im Fokus.

Gisela Probst-Effahs (Universität zu Köln) Beitrag „Beethoven/ Schillers ‚Ode an die Freude’ im Spannungsfeld von Klassik und Pop“ beleuchtete die Funktion dieses Musikstücks als „inoffizielle deutsche Nationalhymne“ und seine Popularisierung u.a. am Beispiel des kommerziellen Hits „Song of Joy“ von 1969.

Ernst Kiehl (Quedlinburg) berichtete über „Die volksmusikalischen Traditionen bei Joseph von Eichendorff (1788-1857) – Spurensuche in seinen Tagebüchern und Werken“. Der Referent bot einen Überblick über Eichendorffs Beschreibungen von volksmusikalischen Szenarien in dessen Tagebüchern, Novellen und Romanzen. Des Weiteren befasste sich der Vortrag mit der gegenseitigen Inspiration von volkstümlicher Musik und Eichendorffs literarischem Schaffen.

Dem schloss sich ein Vortrag von Günther Noll (Universität zu Köln) an mit dem Titel „Das Kölner Lied zwischen Tradition und Innovation“. Er widmete sich der Tradition von „kölschen“ Karnevalsliedern, der Erneuerung von Textpassagen, Melodieteilen, Rhythmen und Harmonik sowie der Frage, ob diese veränderten traditionellen Lieder als „Vermittler“ zwischen „Altem“ und „Neuem“ angesehen werden können.

Heidi Christ (Fränkische Forschungsstelle für Volksmusik, Uffenheim) stellte ihre Forschung „Musikantenhandwerk. Untersuchungen zu musikalischen Traditionen in der Hersbrucker Alb“ vor. Hier ging es um nebenerwerbsmäßige Gebrauchsmusik ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute, um ihren stetigen Wandel und um die diversen Einflussfaktoren des Wandels (z.B. Tanzmoden, technische Neuerungen, politische Faktoren).

Es folgte Elvira Werners (Sächsische Landesstelle für Museumswesen, Chemnitz) Bericht „Vom erzgebirgischen Carlsfeld nach Argentinien und zurück: Tradierte Klangwelten des Bandonions im innovativen Kulturalltag“. Sie erläuterte die Bedeutung des Bandonions im Erzgebirge für Regionalkultur, Tourismus und Traditionspflege.

Im Anschluss berichtete Ernst Schusser (Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern, Bruckmühl) in seinem Vortrag „Bayernklang auf oberbayerischen Konzertpodien“ von der Dialektik „Volksmusik versus volkstümliche Musik“ der letzten hundert Jahre. Entwicklungen und Veränderungen im Instrumentarium, der Wunsch der „Traditionalisten“ nach Heimatpflege sowie die Integration der Musik in einen massenmedialen Kontext wurden beschrieben und analysiert.

 

Der letzte Teil der Tagung trug die Überschrift „Europäische und außereuropäische Fallstudien“. Den Auftakt hierzu bildete Gertrud Antonia Arlinghaus’ (Universität Vechta) Referat „Tango – Horizonterweiterung und Beheimatung im Rückgriff auf Bewährtes und in der Begegnung mit Fremden – Entwicklungslinien, gegenwärtige Praxen und Perspektiven“. Anhand von Fallbeispielen und Interviews mit Laientänzern beleuchtete sie deren Motivationen und Haltungen sowie die generelle Relevanz des Tangotanzens in Deutschland.

Es folgte der Vortrag „Punkkonzerte im Deutschland der 1970er und heute. Rezipienten, Rezeptionsverhalten und Hybridisierungstendenzen“ von Kirsten Seidlitz (Universität zu Köln), in dem die Entstehung der Punk-Szene samt ihrer ursprünglichen Werte erläutert und mit der aktuellen Szene verglichen wurde. Interviews mit Angehörigen eines Kölner Punkkonzert-Clubs wurden herangezogen, um Aufschluss über die Stilvermischungen rund um das Musikgenre zu geben.

Wolf Dietrich (Sulzheim) referierte daraufhin über „Griechische Volksmusik heute – dörflich versus städtisch“. Sowohl Restbestände der von Bauern und Hirten früher gepflegten Volksmusik als auch  die seit den 1980er Jahren verstärkt in den Massenmedien dargebotene neuere Version traditioneller Musik wurden hier beschrieben und unter den Aspekten der Traditionspflege auf der einen und der Fusion mit Unterhaltungsmusik und türkischen Einflüssen auf der anderen Seite erläutert.

In dem Beitrag „Die Verwendung der belarussischen Sprache in der urbanen Popularmusik Weißrusslands“ beleuchtete Klaus Näumann (Universität zu Köln) auf Basis seiner Besuche in diesem Land das musikalische Phänomen, wie „Altes“ gepaart mit Gesellschaftskritik von der herrschenden politischen Klasse als „umstürzlerisch“ wahrgenommen und daher marginalisiert wird.

Den Abschluss der Tagung bildete Elena Schischkina (Konservatorium Astrachan, Russland) mit ihrem Vortrag „Ancient musical traditions of the Russian empire today“. Am Beispiel von aktuellen russischen Musikern wurde hier der Frage auf den Grund gegangen, wie viel Altes, Archaisches noch immer in Genres wie „rock-ethno“ oder „art-folk“ wiederzufinden ist. Auch internationale, historische Einflüsse und soziale Dimensionen von Volksmusik in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten wurden herangezogen und in ihrer Bedeutung für die heutige Musik vorgestellt.

Die Frage nach Altem und Neuem bzw. Traditionellem und Progressivem wurde somit unter ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten beleuchtet. Die Tagung bot einen vielfältigen Einblick in aktuelle Untersuchungen zwischen Traditionsforschung und Bestandsaufnahme jüngster Entwicklungen.