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Kulturanalyse des Ländlichen

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Zur externen Website der Kommission: https://landkultur.blogspot.de/

Prof. Dr. Silke Göttsch
Dr. Manuel Trummer
Anja Decker M.A.

dgv-Kommission „Kulturanalyse des Ländlichen“

Profil

Der Forschungshorizont der 2017 in Marburg gegründeten Kommission umfasst unter anderem folgende Problemkomplexe.

1)   Gegenwärtig erlebt das „Ländliche“ eine Konjunktur in ruralen wie urbanen Kontexten. In Zeiten globaler Vernetzung, Beschleunigung und Ent-Sicherung der Lebensverhältnisse erfahren ländliche Bilder und Narrative eine ebenso dynamische wie divergierende öffentliche Aushandlung. Pole des Spannungsfeldes sind zum einen Aspekte wie Gemeinschaft, Authentizität, Naturnähe, Gesundheit und Sicherheit, zum anderen Konsum, Freiheit, Exotik oder Nachhaltigkeit. In dieser politisch wie wirtschaftlich außerordentlich relevanten Aushandlung des Ländlichen spiegelt sich – meist populärmedial vermittelt – ein Spektrum kultureller Wertehaltungen, Befindlichkeiten und Bedürfnisse, das von romantisch „volkskulturellen“ Lesarten bis hin zur grünen Fortschrittsutopie reicht.
Welche Ikonographien mit welchen Bild- und Ideentraditionen vermitteln sich in diesem medialen Hype des „Ländlichen“? Welche kulturellen Wertehaltungen und Bedürfnislagen spiegeln sich darin?

2)   Verbunden mit neuen Modellen der Governance, der Digitalisierung, der Medialisierung und den Logiken des ästhetischen Kapitalismus verändern diese kollektiven Imaginationen die Handlungsmöglichkeiten der ländlichen Bevölkerung, etwa im ländlichen Tourismus oder der Vermarktung regionaler Produkte, auch in realiter. Sie führen vielfach zu neuen Machtkonstellationen, auch Ungleichheiten, beeinflussen ländliche Geschlechterverhältnisse und verschieben vielerorts die Beziehungen zwischen Stadt und Land.
Welche Folgen hat die aktuelle Konjunktur ländlicher Topoi für die „realen“ kulturellen Transformationen der ländlichen und peripheren Räume Europas – aber auch deren Wahrnehmung in den Städten? Inwieweit gerät die mediale Verhandlung des Ländlichen zum politischen Steuerungsinstrument, das in die Lücken der ländlichen „Umstellungskrisen“ (Henkel 2004) stößt oder diese verschleiert?

3)   Die bemerkenswerte aktuelle Konjunktur des „Ländlichen“ als kultureller Raumimagination gründet auf einer Reihe umfassender Veränderungen des physischen Raums: Weite Teile des ländlichen Europa durchlaufen im 21. Jahrhundert einen elementaren Transformationsprozess. Das prägende Movens ist im Wesentlichen dreifacher Natur. Zum einen verändert die internationale Ernährungsindustrie in ihrer Globalisierung landwirtschaftlicher Produktions- und Vertriebswege traditionelle Erwerbsformen in ländlichen Regionen grundsätzlich. Zum zweiten zeigt sich der umfassende Strukturwandel bestimmt durch eine Appropriation der ländlichen Räume durch die Konsum-, Tourismus- und Unterhaltungsindustrie. Sie schlägt sich etwa in der Veränderung der Landschaft durch die Etablierung von Freizeitparks, Erlebnisseen oder (Rad-)Wanderinfrastruktur nieder. Eine dritte, jüngere Entwicklung betrifft die Nutzung des dünn besiedelten ländlichen Raumes als Standort für erneuerbare Energien und deren Industrie, zum Beispiel in Form gewaltiger Solarfelder oder weithin sichtbarer Biogasanlagen. Diese Veränderungen der ländlichen Ökonomie äußern sich einerseits in einem Rückbau der öffentlichen Infrastruktur, Abwanderung und demographischem Wandel. Sie schaffen andererseits aber auch neue Arbeits- und damit verbunden Landschafts- und Kulturformen.
Eine weitere Diversifizierung der ländlichen Räume und ihrer Kulturen ist die Folge. Zu hinterfragen sind hierbei nicht allein die Veränderungen selbst, bzw. ihre Folgen, sondern im Besonderen auch die Akteure des Wandels (etwa LokalpolitikerInnen, Vereinsvorsitzende, Landwirte) und die Regimes, in denen diese globalen Veränderungen lokal ausgehandelt werden (LEADER-Förderprogramme, Agrar-Subventionen, etc.). Von Bedeutung ist dabei auch eine kritische Selbstreflexion der Forschenden, die als Experten ebenfalls den Diskurs mitbestimmen und nicht selten als Gutachter oder Berater aktiv eingreifen.

4)   Die konkreten Veränderungen in der alltäglichen gelebten Aushandlung des ländlichen Raumes, betreffen nahezu alle Bereiche der alltäglichen Lebenspraxis und reichen von neuen Kulturen der Arbeit, der Mobilität, der Freizeit und Beheimatung bis hin zu neuen Formen des Konsums, des Wohnens und Familienlebens. Sie schlagen sich in den kollektiven und individuellen Identitäten seitens der Akteure nieder. Neben defizitären „shrinkage mentalities“ (Dürrschmidt 2005) die sich häufig in Narrativen des „Zurückgebliebenseins“ artikulieren, entstehen mit Argumenten wie „Natur“, „Gemeinschaft“, „Freiheit“ vielfach auch dezidiert positiv besetzte Entwürfe eines „guten Lebens“ auf dem Land. Auch die Bewertung des Bäuerlichen durchläuft im Zuge der Transformation zahlreicher Betriebe und einer dynamischen Ideologisierung der Ernährungskulturen grundlegende, teils stark divergierende Veränderungen.
An welche Parameter knüpfen sich für die Akteure in ländlichen Räumen Vorstellungen von einem „guten Leben“ auf dem Land? Welche ländlich besetzten Identitäten und Habitus verbinden sich mit der Ausdifferenzierung des Ländlichen?

5)   Die gegenwärtigen Transformationen des ländlichen Alltags sowie die begleitende mediale Bildproduktion gründet auf Entwicklungen, die weit in das 18. Jahrhundert und davor zurückreichen und eng mit der Entwicklung der modernen Land- und Ernährungswirtschaft verzahnt sind. Besonders die Bedeutung der agrarischen Kulturen in den ländlichen Regionen und der damit verbundene Wertewandel des Bäuerlichen spielt hier erneut eine Rolle. Aktuelle Prozesse sollen daher aus ihrem historischen Kontext heraus verstanden und eingeordnet werden.

6)   Gerade am Begriff des „Ländlichen“ – so wurde es auch auf der Gründungssitzung der dgv-Kommission Kulturanalyse des Ländlichen deutlich –, offenbart sich ein grundsätzliches Unbehagen. Häufig als „Restkategorie“ (Henkel 2004) des Urbanen verhandelt, führt seine Verwendung zu terminologischen und semantischen Unsicherheiten, die in der Forschung (z.B. Gerndt 1973, Schwedt 1974) früh identifiziert wurden. Dennoch illustriert nicht nur die aktuell außergewöhnlich dynamische mediale Aushandlung, dass sich im „Ländlichen“ spezifische Qualitäten, Wertzuschreibungen, Atmosphären und Imaginationen verbergen, die über einen Begriff, wie „regional“ weit hinausgehen. Auch empirisch illustriert etwa schon das Wahlverhalten in ländlichen Räumen (Brexit, Trump, Erdogan…), aber auch eigenständige, geschichtlich wie landschaftlich geprägte Freizeitmuster, Geschlechterrollen oder Arbeitskulturen, ein Bündel spezifischer kultureller Qualitäten, die das Ländliche als eigenständige Kategorie gegenwärtiger Alltage hervortreten lassen – gerade auch im Bewusstsein der AkteurInnen selbst (Henkel 2004). Doch welche begrifflichen, aber auch theoretischen und methodischen Möglichkeiten stehen der Europäischen Ethnologie offen, das „Ländliche“ als erkenntnisleitende Kategorie für die Erforschung der ländlichen Transformationsprozesse und der dynamischen öffentlichen Aushandlung des Ländlichen zu nutzen?

Angesichts der skizzierten Entwicklungen und aktuellen Probleme besteht in der (Neu-)Fokussierung ruraler Kulturen ein dringendes Forschungsdesiderat für die Europäische Ethnologie. Die Komplexität ländlicher Bilder und Alltagspraxen bietet der Europäischen Ethnologie mit ihrem sensiblen, qualitativ-empirischen Instrumentarium die Chance, sich gegenüber Demographie, Politik und Statistik im Diskurs zu positionieren, Komplexität abzubilden, auf Widersprüche hinzuweisen und ein differenziertes Verständnis ländlicher Alltagskultur zu fördern.

Das Interesse am Thema ist hoch: dies belegen nicht nur verschiedene laufende Forschungsprojekte, die sich in unterschiedlicher Stoßrichtung mit Ländlichkeit und ländlichen Kulturen beschäftigen, sondern auch zahlreiche Abschlussarbeiten und Tagungen. Eine Kommission „Ländliche Kulturen“ kann die zahlreichen im Fach individuell zum Thema Forschenden vernetzen und zugleich den interdisziplinären Austausch im Rahmen der Rural Studies mit Nachbardisziplinen wie der Agrargeschichte sowie der Rural Sociology und Human Geographie konzertiert fördern.

Kontakt

Anja Decker, M.A.

decker [dot] anja [at] gmx [dot] de

Doktorandin am Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie

Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)

Dr. Manuel Trummer

manuel [dot] trummer [at] ur [dot] de

Abteilung für Vergleichende Kulturwissenschaft

Institut für Information und Medien, Sprache und Kultur (I:IMSK), Universität Regensburg

 

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